Der Roman Age of Vice von Deepti Kapoor wird von vielen schon als DAS Buch des Jahres gefeiert, was mich natürlich neugierig machte. Dass es auch noch ein in Indien spielender Roman von einer indischen Autorin ist, hat es dann noch besser gemacht und ich mir das Buch (deutscher Titel: Zeit der Schuld) sofort besorgt!


Worum geht’s

Schon als Kind lernt Ajay die Ungerechtigkeit der Welt kennen, da er als kastenloser Junge kein leichtes Leben im ländlichen Nordindien hat. Nachdem sein Vater ermordet wird, muss seine Mutter ihn an ein Ehepaar verkaufen, die ihn für sich arbeiten lassen. Nachdem der Mann stirbt, hat die Ausbeutung ein Ende und Ajay arbeitet in einem von Touristen gerne besuchten Cafe, wo er sich selbst u.a. lesen, schreiben und Englisch beibringt. Zufällig lernt er dort den reichen Sunny Wadia kennen, welcher ihm einen Job anbietet und ihn so nach Delhi bringt. In eine Welt, die auch alles andere als perfekt ist, wie Ajay sehr schnell lernen wird.

Wie ist’s

Absolut grandios, ich wollte es nicht mehr aus der Hand legen und habe es in 2,5 Tagen nur so verschlungen. Die Geschichten reißt einen mit, die einzelnen Charaktere werden ganz wunderbar entwickelt und der Roman hat Tempo. Es passieren so viele Dinge, die sich alle aber irgendwie bedingen und man bekommt einen sehr spannenden Einblick in diese mafia-ähnliche, skrupellose Welt der „politischen Elite“ in Indien. Vieles fand ich sehr authentisch beschrieben, in diesem Buch habe ich immer wieder das Indien gefunden, welches ich selbst kenne, aber gleichzeitig auch neue Perspektiven kennengelernt (die ich jetzt auch nicht in real kennen müsste).

Das Buch ist aus verschiedenen Perspektiven geschrieben und springt zeitlich auch etwas hin und her, was es aber nur spannender macht. Einmal bekommt man unterschiedliche Interpretationen und Emotionen, andererseits weiß man auch nie, was als nächstes wieder beschrieben wird. Dieser Schreibstil passt meiner Meinung nach auch perfekt ins indische Setting, denn dort weiß man auch oft nie, was als nächstes passiert und muss statt gerade gerne viele Kurven laufen.

Man drückt dem „Helden“ Ajay die Daumen, dass er sein Leben trotz aller äußerer Hindernisse verbessern kann, doch merkt man leider, dass diese neuen Umwelten sich negativ auf ihn auswirken. Aber auch die anderen Hautpersonen in diesem Buch, nämlich Sunny Wadia und seine On-/Off-Freundin Neda lassen einen nicht kalt, da man irgendwie auch ihnen zumindest zu Beginn nur das Beste wünscht. Somit verschlingt man Seite um Seite und will wissen, wie es weitergeht und hat plötzlich 700 Seiten hinter sich und irgendwie ein Ende, welches nicht wirklich eines ist.

Für Leute, die so gar keine Berührungspunkte mit Indien haben, kann das Buch zunächst etwas überwältigend sein, da man einiges an implizitem Wissen haben sollte, um allen Stories wirklich gut folgen zu können. Wer mag, als Indien-Einstieg empfehle ich sehr gerne Shantaram von Gregory David Roberts, welches auch hier eine tolle, wenn auch ähnlich lange, Ergänzung ist.


Ein rasantes, spannendes Buch, welches man nicht mehr aus der Hand legen kann, da es einen fesselt und mit in eine Welt nimmt, von der man kein Teil sein will, aber trotzdem enorm neugierig auf sie ist. Ob es DAS Buch 2023 für mich persönlich wird, weiß ich noch nicht, es ist aber auf jeden Fall ganz oben mit dabei und für mich eine ganz klare Leseempfehlung! Auch toll als Urlaubslektüre, wenn ihr ein paar Tage Zeit habt, euch in seinen Bann ziehen zu lassen!